Vom Ursprung der Spielkarten

Der nachfolgende Text ist dem Buch „Spielkarten und ihre Geschichte – Historisches um des Teufels Gebetbuch“ von Claus D. Grupp entommen. Es erschien im Jahr 1973 anläßlich des 50-jährigen Jubiläums des Spielkartenmuseums der Vereinigten Altenburger und Stralsunder Spielkartenfabriken AG - gegründet 1923 in Altenburg/Thüringen, heute in Leinfelden/Württemberg.

Dieses Kapitel entspricht heutzutage möglicherweise nicht mehr in allen Teilen dem aktuellen Stand der Spielkartenforschung. Es wurde gleichwohl für diese Seite gewählt, weil es - gerade für Laien - einen amüsanten und kurzweiligen Einstieg in die Welt der Spielkarte bietet. [Anm. d. Red.]

 


Man weiß, dass man wenig weiß

Wenn es um Antiquitäten geht, teilt die Menschheit sich in Liebhaber und Ignoranten. Man muss ja nicht gleich vor jeder Sache Ehrfurcht empfinden, nur weil sie alt ist. Aber manche Dinge verdienen ein bisschen Aufmerksamkeit. Da sitzen doch an jedem Abend in jedem Winkel der Erde Millionen Menschen und halten bunte Kartonstückchen in der Hand - und sie wissen nicht, welch amüsante Vergangenheit das Spiel mit den Karten hat. Warum zum Beispiel ist das Pik-As der internationalen Bridge-Karte viel üppiger gestaltet als die drei anderen Asse? Warum schnuppert der Herz-Bube an einem Lorbeerblatt, wie es scheint? Wie kommt's, dass die Italiener mit Karten spielen, die ein Engländer eher für Kinderspielzeug halten würde? Und wo kommen die Karten überhaupt her? Aus Karten, so behaupten die Wahrsager, könne man die Zukunft ablesen. Das ist zweifelhaft. Aber man kann aus Karten deren Vergangenheit herauslesen. Das ist wenigstens unterhaltsam.

Wo immer auch der Ursprung der Karten liegen mag, er liegt noch im Dunkeln. Und es ist fraglich, ob sich die Herkunft der Spielkarte jemals in dem mythologischen Nebel finden lässt, der ihre Wurzeln umgibt. Soviel auch bisher entdeckt und gefunden wurde an Einzelheiten - dazwischen klaffen Lücken, die Platz genug bieten für Spekulationen und Theorien. Die Vermutungen um Ort und Zeit der Geburt der Spielkarte sind deshalb so zahlreich wie die Autoren, die darüber geschrieben haben. Italien, Frankreich, Deutschland, Spanien, England und eine Reihe anderer Länder konnten sich zeitweilig rühmen, dass in ihren Grenzen Männer erstmals jener ernsten Beschäftigung nachgingen, Karten in der Hand zu halten. Amerika erscheint in dieser Reihe nur deshalb nicht, weil es unglücklicherweise erst entdeckt wurde, als in Europa das Kartenspielen schon zu einer bedrohlichen Leidenschaft geworden war.

Autoren vergangener Jahrhunderte hatten bei ihren Forschungen oft nur eines im Sinn: die Kartenherkunft ins eigene Land zu verlegen. Ihre Beweise waren meist dürftig und wie an den langen Haaren des Herz-Königs herbeigezogen. Diese patriotischen Bemühungen hatten aber einen unerwarteten Nebeneffekt, vergleichbar dem K.O.­-System bei manchen Sportturnieren: Die Autoren mussten frühere Werke ausländischer Konkurrenten widerlegen, was bei der notorischen Dürftigkeit der Argumentationen nicht schwerfiel. So schied im Laufe der Zeit ein europäisches Land nach dem andern als Kartenheimat aus. Man darf heute als wahrscheinlich annehmen, dass die Spielkarte zwar früh in Europa bekannt war, hier aber wohl nicht erfunden wurde.

 

Kamen sie aus Asien?

Wenn der Ursprung einer Sache mysteriös ist und nicht in Europa vermutet werden darf, bleiben nach alter Tradition nur drei Heimatorte übrig: der Himmel, die Hölle oder Asien. Nach glaubwürdigem Zeugnis vieler Kirchenmänner scheidet der liebe Gott als Erfinder der Spielkarte aus; stattdessen gaben Prediger und Kardinäle den bocksfüßigen Herrn der Unterwelt häufig als Kartenvater aus. Das schadete natürlich dem Ruf der Spielkarte sehr - und förderte ihre Verbreitung ungemein. Schon damals war Sittengefährdendes beliebt, Verbote reizten die Neugier erst recht.

Dass die Spielkarte eine Ausgeburt der Hölle sei, mögen manche heute noch glauben, vor allem manche Ehefrauen, deren Männer die Nächte und den Lohn am Spieltisch durchbringen. Die Wissenschaftler und selbst die Theologen haben diese Theorie jedoch längst aufgegeben. Da allem Anschein nach auch die Araber, die Ägypter sowie einzelne historische Herren wie der Königssohn Palamedes, einer der Helden vor Troja, oder der Philosoph Chilon von Korinth nicht als Kartenerfinder in Frage kommen, bleibt nur Asien als Ursprungsland. Aber mit dieser Erkenntnis ist nicht viel gewonnen, denn Asien ist groß.

Um es gleich zu sagen: Man hat noch keine asiatischen Spielkarten gefunden, von denen man sicher sagen konnte, sie seien älter als die frühesten europäischen. Einen unwiderlegbaren Beweis für die asiatische Herkunft der Spielkarte gibt es also bis heute nicht. Aber nebenbei gesagt: Was würde es ändern, wenn wir endlich mit Sicherheit wüssten, dass die Spielkarten in Indien und nicht in Italien erfunden wurden? Würde es die Spannung irgendeiner Partie Bridge oder Skat erhöhen? Würde es die Freude auch nur eines Menschen am Kartenspiel schmälern oder heben? Wohl kaum. Und die Halbwahrheiten, die Anekdoten und Histörchen um Anfange und Werdegang des Kartenspiels sind oft genauso aufschlussreich, als wüsste man die Wahrheit. Meistens sind die Geschichten am Rande der Geschichte auch noch viel amüsanter und unterhaltender als die Geschichte selber.

Ein Beispiel: Es ist eine wissenschaftlich durchaus haltbare These, dass das spanische Wort für Spielkarte, "naipe", arabischen Ursprungs ist. Es ist eine wissenschaftlich völlig unhaltbare These, dass eine hindostanische Maharani die Karten erfinden ließ, um ihren Gatten von der Unsitte zu heilen, sich die Barthaare auszureißen. Aber es ist keine Frage, welche dieser Thesen der Phantasie den schöneren Spielraum lässt.

Was aus frühester Zeit des Kartenspiels als sicher gilt, ist wenig. Man weiß heute mit Sicherheit, dass im 14. Jahrhundert in einigen europäischen Ländern mit Karten gespielt wurde; wann genau und wo sie zum ersten mal auftauchten und woher sie kamen, weiß man jedoch nicht. Man weiß mit Sicherheit, dass Spielkarten sich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts so rasch wie die Kaninchen ausbreiteten, oder wie die Pest, um mit den Theologen zu sprechen. 1378 wurde das Laster des Kartenspiels in Regensburg und Konstanz bereits verboten! Gelegentlich werden noch frühere Verbote erwähnt, aber es ist umstritten, ob darin außer Schach-, Brett- und Würfelspielen auch schon die Karten gemeint waren. Man weiß ebenfalls mit Sicherheit, dass die frühesten Spielkarten Europas nicht die Farben Kreuz, Pik, Herz und Karo trugen, sondern andere Zeichen, die sich in manchen Gegenden bis heute erhalten haben. Und das war's dann auch schon. Alles, was sonst über die früheste Zeit der Karten gesagt wird, ist Vermutung, bestenfalls eine wahrscheinliche Möglichkeit, oft aber auch nur ein schlichtes Versehen, etwa ein Übersetzungsfehler. Denn die spärlichen schriftlichen Quellen aus jener Zeit sind in Lateinisch verfasst und von Hand geschrieben - den Buchdruck gab's ja noch nicht.

Die ältesten erhaltenen Karten, mit denen wirklich gespielt wurde, stammen aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, handgemalte zum Teil noch, aber auch schon gedruckte, nach Holzschnitten oder Kupferstichen. Doch das 15. Jahrhundert ist längst nicht mehr die Frühzeit des Kartenspiels. Da spielten schon Könige und Kardinäle, Bürger und Bauern, Mönche und Mägde, da finden wir in Kunst und Literatur schon eine Fülle zeitgenössischer Zeugnisse zum Spiel mit den bunten Karten.

 

 

Geld zum Spielen?

Asiatische Quellen, die vom Ursprung der Karten vor dem 14. Jahrhundert berichten, sind genauso trüb wie entsprechende europäische. Was sich von der Herkunft der Spielkarte aus asiatischem Raum sagen lässt, ist eigentlich auch nur dies: Die Sagen und Gerüchte um Spiel und Karte reichen dort weiter zurück als in Europa. Da erzählt man sich zum Beispiel, der chinesische Kaiser Seun-ho habe im Jahre 1120 Spielkarten an seinem Hofe eingeführt, um seinen Konkubinen etwas mehr Zerstreuung zu bieten. Aber die älteste Quelle für diese märchenhafte Geschichte ist das chinesische Lexikon Ching-tse-tung aus dem Jahre 1678. In seinem Buch "The Invention of Printing in China" schreibt T. F. Carter 1925, er habe einen Hinweis auf Kartenspiele im Reich der Mitte schon für das Jahr 969 gefunden. Aber auch das bleibt umstritten. Da chinesische Spielkarten von heute mit ihren Zeichen "Münzen", "Ketten von Münzen" und "Myriaden von Münzen" dem frühesten chinesischen Papiergeld ähneln sollen, vermutete man schon, die Karten stammten wie die Banknoten aus der Zeit der Tang-Dynastie (618 bis 906). Aber man hat bislang weder Geld noch Karten aus jener Zeit gefunden.

Vielleicht - und das ist eine ganz amüsante Vorstellung - haben die alten Chinesen ihr frisch erfundenes Papiergeld auch direkt als eine Art Spielkarte benützt, indem sie Wetten darauf abschlossen. Der Gewinner behielt dann gleich die Utensilien des Spiels, was eine große Zeitersparnis ist gegenüber dem modernen amerikanischen Verfahren, erst umständlich aus fünf Karten eine Kombination zu bilden und darauf zu wetten, man habe die höhere Hand.

Sichere Funde sind also selten, und was ans Licht kommt, bleibt oft umstritten. Wir verstehen auch gleich, warum: Asiatische Spiele unterscheiden sich auch heute noch stark von europäischen oder amerikanischen - man denke an Go oder Mah­-Jongg. Sie werden mal mit viereckigen, mal mit runden, mal mit fingerschmalen Plättchen aus Holz, Elfenbein oder Karton gespielt, und man kann mitunter nicht sagen, ob es sich noch um Spielsteine oder schon um Spielkarten handelt. Die Karten oder Spielmarken werden mal auf den Tisch gelegt, mal auf ein Spielbrett, mal in der Hand gehalten - wie soll man da noch vergleichen können mit einer Partie Skat oder Bridge!

Wer Indien als Heimat des Kartenspiels nennt, kann dafür so sichere Beweise anführen wie für die leibliche Existenz Shiwas, des vielarmigen Gottes. Im Gegensatz zum christlichen Abendland aber hatte Indien in seiner Kartengeschichte immerhin einen Gott im Spiel: Shiwa und seine Frau Parvati bilden die Doppelgottheit Ardha-Narishwara; sie hält in ihren vier Händen einen Becher, einen Stab, ein Schwert und einen Ring - und das sind ziemlich exakt die Symbole, die auf den ersten europäischen Spielkarten zu finden sind. Allerdings mag das Zufall sein. Das australische Känguruh hat auch zwei Augen, zwei Ohren und einen Schwanz, genau wie der afrikanische Elefant, und niemand hält sie für Verwandte.

Die profaneren Beweise für die indische Herkunft der Karten sind auch nicht viel glaubwürdiger. Da wird ein Captain D. Cromline Smith zitiert, der um 1815 Kolonialoffizier in Indien war. Ihm schenkte ein Brahmane einst ein Kartenspiel; der Heilige behauptete, es sei seit undenkbaren Zeiten im Besitz seiner Familie, mindestens aber sei tausend Jahren. Auf solch "exakten" Aussagen lässt sich nun freilich alles und nichts beweisen.

Wo immer jemand, der vielleicht ganz anderes im Sinn hatte, etwas fand, das entfernt nach einer Spielkarte oder einem Kartenkönig aussah, da sprossen gleich neue Theorien. Da kam zum Beispiel Anfang dieses Jahrhunderts der berühmte Sven Hedin von seinen Asienreisen zurück, und die Welt erfuhr von der großartigen Mischkultur der Tocharer - flugs wurde die Urheimat der Spielkarte ins Tarimbecken verlegt.

Wo so weniges als sicher gilt, kann man nur aus dem Unsicheren das Glaubwürdigste und das Amüsanteste heraussuchen. Lassen wir's bei dieser Methode. Die Forschung hat's in diesem Falle auch besonders schwer, denn eine unentdeckte alte Spielkarte zu finden ist etwa so leicht, wie beim Spaziergang auf einen Diamanten zu stoßen. Vermutlich haben unsere Urahnen ihre abgenützten Karten nicht als Kunstwerke oder als Vermächtnisse für die Nachwelt betrachtet, sondern damit gemacht, was man heute auch tut: sie weggeworfen oder als Heizmaterial verwendet. Hätten nicht ein paar sparsame europäische Buchbinder Makulaturabzüge von Spielkarten zur Versteifung ihrer Bucheinbande benützt - wir hätten noch weniger Zeugen des menschlichen Spieltriebs aus alter Zeit. So hat denn jedes Buch über Spielkarten den Vorbehalt: So könnte es gewesen sein.

 

 

Vier Könige aus Indien

Unter allen Theorien vom Ursprung der Spielkarte ist eine besonders interessant: sie hält das Schachspiel für eine Art Geburtshelfer. Beide Spiele haben ohne Zweifel auffällige Ähnlichkeiten: Es treten Könige auf mit ihrem Gefolge und ihrer Streitmacht, und es lässt sich mit beiden eine Art von Krieg am grünen Tisch spielen. Daraus kann man allerlei folgern: Entweder ist das Kartenspiel aus dem Schach entstanden, oder umgekehrt, oder beide hatten einen gemeinsamen dritten Vorfahren, oder - auch das ist möglich - die Übereinstimmungen sind der pure Zufall. Ist man vorsichtig, kann man sagen: Schach und Spielkarte können in der gleichen Gegend entstanden sein. Und damit wäre man dann wieder so schlau wie zuvor, denn man weiß auch nicht, wo das Schach erfunden wurde.

Immerhin, geht man dieser Theorie ein bisschen nach, so stößt man auf Dinge, die, wenn auch nicht beweiskräftig, doch wenigstens erstaunlich sind. Zunächst dies: Das berühmte "Kind im Manne", von dem Nietzsche sagte, es wolle spielen, hat seine ersten Spielzeuge schon vor Jahrtausenden gefunden: Brett- und Würfelspiele. Uralt sind auch Kombinationen aus Figurensteinen und Würfeln, so das Tricktrack (in Deutschland als Puffspiel, in England und den USA als Backgammon bekannt). In Ur in Altbabylon (aus der Bibel bekannt als Ur in Chaldäa, als Heimat Abrahams) spielte man es schon vor vier- bis fünftausend Jahren.

Einem heutigen Schachspieler mag die Vorstellung ein Gräuel sein, aber es gilt als sicher: Auch Schach wurde ursprünglich mit Würfeln und verschiedenartigen Steinen gespielt. Eine Variante des Urschachs hieß "Tschaturadschi", und dieses Sanskrit­-Wort bedeutet: "vier radschi's", vier Könige­ - man spielte es zu viert. In einem Purana, einer der uralten Sanskriterzählungen aus der Vorgeschichte Indiens, lässt sich ein König von einem Weisen die Regeln dieses Spiels erklären. Vier Armeen, so heisst es, stehen einander im Viereck gegenüber, und man benennt die vier Seiten mit Farben: Rot im Osten, Grün im Süden, Gelb im Westen und Schwarz im Norden. Jede Armee besteht aus "Tschatur-anga's", den vier Einheiten der indischen Streitmacht: Wagen, Elefant, Pferd und Fußsoldaten - heute Läufer, Turm, Springer und Bauern im Schachspiel. Könige waren vermutlich anfangs die Spieler selber; später kam dann auch der Monarch als Figur aufs Brett, zusammen mit seinem Minister oder General (aus dem durch Sprachverstümmelung dann in Europa die Dame wurde). Man spielte Schach damals - und in Asien teils heute noch - nicht mit den uns so vertrauten anthropomorphen Figuren, sondern mit runden Steinchen oder Plättchen, die bemalt waren - und so sehen asiatische Spielkarten heute noch aus. Sollte das reiner Zufall sein?

Die Farbennamen im Tschaturadschi-Schach könnten - könnten! - Ursprung sein für die vier "Farben" im Kartenspiel. Und da fallt nun etwas Seltsames auf: Die ersten Symbolzeichen für die vier Farben auf europäischen Spielkarten wurden zweifellos nicht willkürlich gewählt, sondern hatten einen tieferen Sinn. Man vermutet in ihnen eine Versinnbildlichung der vier mittelalterlichen Stände der europäischen Bevölkerung: Geistlichkeit - Adel - Bürger - Diener. Diese feudale Ordnung, die in Europa noch bis in dieses Jahrhundert nachwirkte, war aber keine abendländische Erfindung. In Indien herrschte ein entsprechendes Kastensystem schon viel früher. Die Grundlagen dieser Kastenordnung wurden im Purusasukta beschrieben, einer Hymne im Rigweda, dem ältesten Buch des Weda, das aus der Zeit um 500 vor Christus stammt. Die Menschen, heißt es darin, seien in vier Kasten geteilt. Das Sanskritwort für Kaste aber ist "varna", und das heißt: die Farbe. Man vermutet, dass die Ursache des Kastenwesens in Verschiedenheiten der Volksrassen im indischen Raum und damit in Verschiedenheiten der Hautfarben zu suchen sei. Ohne nun zu folgern, die vier Farben im Kartenspiel seien Überbleibsel einer rassistischen Ideologie - die Übereinstimmungen sind doch verblüffend. Für den Wissenschaftler jedoch sind sie noch lange nicht dasselbe wie ein Beweis. Aus dem gemeinsamen Auftreten von Füßen bei Mensch und Krokodil darf man ja auch nicht auf gemeinsame Herkunft schließen.

 

 

Wie kamen sie nach Europa?

Immerhin, man kann annehmen, Kinder Asiens in der Hand zu halten, wenn man mit Freunden beim Bridge sitzt. Nur: wie und wann und wohin diese Abkömmlinge zuerst nach Europa kamen - das bleibt offen wie die Frage nach der Herkunft Kaspar Hausers. Da sie nicht vom Himmel fielen und auch nicht aus der Hölle gespien wurden, müssen sie auf dem Land- oder Seewege gekommen sein. Sind sie mit den Zigeunern eingewandert?  Haben Kreuzritter diesen unchristlichen Zeitvertreib mit nach Hause gebracht? Wurden sie von Mauren eingeschleppt, als sie Spanien eroberten? Hat irgendein Seefahrer die Exotika heimgeführt, wie die Kartoffel oder den Tabak?

Wer auch immer es war, der sie zuerst brachte: Er war sich nicht bewusst, was er da an Land trug, war sich nicht bewusst, dass Millionen begeisterter Kartenspieler ihm später ein Denkmal errichten würden, wüssten sie nur seinen Namen. Ein Zigeuner war es wohl nicht. Man muss davon ausgehen - solange man nichts anderes weiß - dass Spielkarten nach 1300 in Europa auftauchten. Nun kamen die Zigeuner zwar, von irgendwo aus dem Inneren Asiens, um das Jahr 1300 nach Anatolien und Griechenland, berührten aber Mitteleuropa erst hundert Jahre später. Das Spielzeug hätte sich also rascher verbreiten müssen als die Zigeuner selber, was wohl möglich, aber nicht beweisbar ist. Schade eigentlich, denn die Geschichte hätte so vieles für sich: Zigeuner kamen aus Asien, und Zigeunerinnen sind heute noch bekannt für ihre Neigung zu den Karten, aus denen sie die Zukunft ablesen. Überdies wurden die früh auftauchenden Tarock-Karten in Südeuropa lange Zeit zur Wahrsagerei benützt – alles wäre so schön, wären nur die Zigeuner ein wenig rascher gewandert.

Kaum zu glauben ist auch die Theorie, Kreuzfahrer hätten die Spielkarten als Souvenir aus den heidnischen Landen mitgebracht. Letzter der sieben Kreuzzüge war der von 1270 - die meisten Mitfahrer samt ihrem Führer Ludwig IX. starben unterwegs an einer Seuche. Eine andere Import-Theorie nennt die Mauren. Sie gründeten in Spanien 756 nach Christus das Reich von Cordoba, wurden vom 11. Jahrhundert an nach und nach wieder vertrieben und zogen sich nach dem Verlust von Cadiz 1262 auf den Südostzipfel Gibraltar-­Granada zurück. Sie müssten die Spielkarten sozusagen auf der Flucht verloren haben. Und außerdem: Der Koran schreibt dem gläubigen Moslem vor, das Kartenspiel wie den Alkohol zu meiden - warum sollten also gerade die mohammedanischen Mauren uns das Spiel mit den bunten Blättern gebracht haben?

Was bleibt, sind lauter Fragezeichen; damit darf man ohnehin nicht sparsam umgehen, wenn man die frühesten Berichte vom Auftauchen der Spielkarten in Europa zitiert. Nur ein Beispiel: Man war sich einige Zeit sicher, dass die Spielkarten 1299 nach Italien gekommen seien. Man berief sich dabei auf die Handschrift eines Italieners mit dem burlesken Namen Sandro Pipozzo di Sandro Fiorentino. Nur, dieses Manuskript hat niemand, der es zitierte, je mit eigenen Augen gesehen. Es wird erwähnt in einer Literaturgeschichte von Tiraboschi aus dem Jahre 1776, fast fünfhundert Jahre nach dem erwähnten Ereignis also. Und auch Tiraboschi hat die Handschrift nicht selber gesehen, sondern zitiert nach einer Abschrift - und die ist anscheinend nur durch eine Verwechslung zu der Ehre gekommen, als Duplikat der Pipozzo-Handschrift zu gelten. So kompliziert kann Spielkartenforschung sein.

In dem deutschen Buch "daz guldin spil" findet man einen Hinweis, die Karten seien im Jahre 1300 nach Deutschland gekommen. Als Beweis ist auch das wissenschaftlich wertlos, denn das Buch wurde erst 1472 in Augsburg gedruckt, und der Verfasser, ein Dominikanermönch namens Ingold, kann nur sagen, er habe es so gelesen. Damit kann man auch nicht viel anfangen, und die Glaubwürdigkeit der Aussage ist kaum größer als bei jenem berüchtigten Werk des Holzschnitzers Jean Baptiste Papillon; der lebte von 1698 bis 1776 in Paris und hat unter anderem auch Vorlagen geschnitten für den Kartenmacher Mitoire. Außerdem verfasste er ein Buch über die Holzschneiderei und vertrat darin neue Ansichten über den Zusammenhang dieser Kunst mit dem Vordringen der Spielkarte. Von einem Experten nach den Quellen seiner Behauptung be­fragt, entpuppte der Holzschneider sich als Aufschneider: "Je me le suis imaginé", antwortete er - er habe es sich halt so ausgedacht.

Hätte man nur die Verbreitung falscher Nachrichten in Büchern ebenso hart bestraft wie einst das Falschspiel oder das Fälschen von Karten! Da erwischte man 1746 einen Monsieur Lacour und seine Frau, die beim Steuereinnehmer zwei hölzerne Druckstocke für Spielkarten klauten. Den Mann band man an den Pranger und brannte ihm mit rotglühendem Eisen die Buchstaben G A L auf die Schulter, schickte ihn anschließend drei Jahre lang als Sträfling auf die Galeeren und ließ ihn noch zehn Livres Strafe zahlen. Die Frau wurde nackt mit Ruten ausgepeitscht, bekam ein V in die rechte Schulter eingebrannt und wurde für drei Jahre aus Paris verbannt. Im Jahre 1777 erwischte man in Norwich einen Kaufmann beim Falschspiel; er wurde für ein halbes Jahr ins Gefängnis geworfen und musste 20 Pfund Strafe zahlen. Falls er die Strafe nicht zahlte, sollte er öffentlich ausgestellt werden, mit an den Pranger genagelten Ohren!

 

 

Die ersten Botschaften: Verbote

Was ist denn nun in der Geschichte der Spielkarte endlich so sicher wie vier Asse beim Poker? Aus der Flut spekulativer Daten ragt eine Jahreszahl als fester Halt: 1377. In diesem Jahr schrieb ein Mönch Johannes in Rheinfelden ein lateinisches Manuskript über das Kartenspiel, welches im selben Jahr in die Schweiz gekommen sei; das Original der Handschrift ist heute im Britischen Museum. Wer die europäische Landkarte kennt, der weiß, dass die Schweiz unmöglich das erste europäische Land sein konnte, wohin Karten eingeführt wurden - sie seien denn von Bergadlern eingeflogen worden. Wahrscheinlicher ist, dass sie von Süden, aus Italien, oder von Norden, aus Deutschland, ins schweizerische Gebiet vorgedrungen sind.

1378, nur ein Jahr später, wurden in Regensburg an der Donau und Konstanz am Bodensee Kartenspiele bereits verboten! Man darf nicht annehmen, dass es sich dabei um prophylaktische Maßnahmen handelte, etwa wie bei einem heutigen Gesetz, das den privaten Besitz von Atombomben verbietet. Es liegt vielmehr auf der Hand, dass solche Gesetze erlassen wurden, weil das Kartenspiel die Leute vom Kirchgang oder von der Arbeit abhielt oder die ohnehin armen Familien vollends ruinierte - man spielte ja damals fast nur um Geld. Mit anderen Worten: Ein solches Verbot setzt voraus, dass das Kartenspiel bereits populär war. Und eine solche Verbreitung des Spiels setzt voraus, dass die Karten schon in erheblichen Mengen hergestellt wurden. Ein logischer Schluss also: Die Spielkarten müssen ein gutes Weilchen vor 1378 in Europa aufgetaucht sein.

Manche Forscher verweisen auf ein noch früheres Verbot. Am 23. Mai 1376 erließ die Stadt Florenz eine Verordnung, die das Spiel "naibbe" unter Strafe stellte. Zwar ist auch diese Sache in der Literatur etwas umstritten, aber immerhin hieß das Spiel mit Karten in Italien anfangs tatsachlich "naibi", in Spanien heute noch "naipes". Man vermutet in diesem Fremdwort orientalischen Ursprung. Diese Theorie fußt hauptsächlich auf einer Chronik der italienischen Stadt Viterbo. Darin heißt es, 1379 sei das Kartenspiel "Naib" von einem Sarazenen eingeführt worden. Allerdings stammen die erhaltenen Fassungen der Viterbo-Chronik von Männern, die erst nach 1379 geboren wurden.

Da man positive Beweise für eine frühere Anwesenheit der Karten nicht fand, suchte man nach negativen Beweisen, nach Anzeichen dafür, dass die Spielkarten zu irgendeiner Zeit mit Sicherheit noch nicht bekannt waren. Da hat man zu diesem Zweck das riesige Werk Dante Alleghieris Wort für Wort gelesen und festgestellt, dass darin genau ein einziges Mal das Wort Karte vorkommt, womit allerdings unmöglich die Spielkarte gemeint sein konnte. Da Dante so ziemlich alle Laster der Menschheit beschrieb und auch Brett- und Würfelspiele erwähnte, schloss man daraus, dass zu seiner Zeit (er lebte von 1265 bis 1321) das Kartenspiel noch nicht da oder wenigstens nicht bekannt war. Solche Rückschlüsse können, müssen aber nicht richtig sein. Boccaccio nämlich, der erst 1375 starb, hat die Spielkarte ebenfalls nicht erwähnt, obgleich er viele andere Spiele beschrieb, vornehmlich solche freilich, zu denen man weder Würfel noch Brett braucht. Auch sein Freund Petrarca, der von 1304 bis 1374 lebte, hat in seinem Buch "De remediis utriusque fortunae" etliche Spiele benannt, nicht aber das Kartenspiel. Dieses Werk wurde 1366 abgeschlossen. Zwölf Jahre später wurde das Kartenspiel in Deutschland bereits verboten! Aus dem Mangel an Hinweisen darf man also nicht folgern, Karten seien damals unbekannt gewesen.

Allerdings ist es erstaunlich, dass sich nun, nach den ersten schriftlichen Zeugnissen, plötzlich die Hinweise auf das Kartenspiel häufen: 1378 wird es in Regensburg erwähnt, 1379 in St. Gallen und in Brabant, 1380 in Nürnberg, 1382 in Flandern und Burgund. Die unbewiesene Schlussfolgerung, die Karten seien in den siebziger Jahren des 14. Jahrhunderts nach Europa gekommen und hätten den Kontinent im Sturm erobert, ist unter diesem Aspekt also geradezu verlockend.

 

 

Der Siegeszug der Karten

Böse Zungen könnten behaupten, nur Laster und Seuchen würden sich mit so vehementer Kraft und Geschwindigkeit ausbreiten wie die Spielkarte im 14. Jahrhundert in Europa. Es ist tatsächlich faszinierend, sich diesen Eroberungszug vorzustellen - in einer Zeit miserabler Verkehrsverhältnisse, 150 Jahre vor der Entdeckung Amerikas. Die Menschen waren seinerzeit noch begierig auf jede neue Art von Zeitvertreib. Und die Karten waren ja nicht allein Spielzeug, sie waren überdies die reinsten Bilder-"Bücher", die den Betrachtern lange Geschichten erzählen konnten. Spielkarten dürften nicht selten die ersten Bilder oder Druckerzeugnisse gewesen sein, die ein Mensch damals je in der Hand gehalten hat. Regelrechte Bücher gab es ja vor Mitte des 15. Jahrhunderts nur in handschriftlichen Exemplaren, und die waren so selten wie teuer.

Auf ihrem Siegeszug durch die europäischen Länder des 14. und 15. Jahrhunderts wurde die Spielkarte natürlich oft verändert. In fast jedem Land zeichnete man die Figuren der Bilderkarten nach heimischen Herrschern und Kostümen, bis sich dann, nach Jahrhunderten erst, einige Standards herausbildeten, die bis heute unverändert blieben. Aber nicht allein die Figuren der Honneurs, der Bilderkarten König, Dame und Bube, auch die Farbzeichen wurden verändert.

Heute spielt man auf der Welt, wenn man vom asiatischen Raum einmal absieht, mit Karten, die sich nach ihren Farbsymbolen in drei Gruppen gliedern lassen:

Das italienisch-spanische Farbsystem; damit spielt man in Italien, Spanien, Portugal und den spanisch­sprechenden Ländern Mittel- und Südamerikas.

Das deutsche Farbsystem; man findet es noch in vielen Gegenden des deutschsprachigen Raumes, zum Beispiel in Sachsen, Thüringen, in ganz Süd­deutschland und in Teilen Österreichs und der Schweiz*.

Das französische Farbsystem; Karten mit diesen Farben sind üblich in Frankreich, Nordafrika, im Orient, in ehemaligen französischen Besitzungen und - als sogenannte internationale Karte - in England, Kanada, den USA, Skandinavien und sämtlichen Ländern, wo Bridge und Poker gespielt wird - jedem Bridgespieler der Welt, ob in Rom oder London, Tokio oder Kairo, droht der gleiche Herz-König mit seinem erhobenen Schwert.

 

 

Diese drei Farbsysteme existieren heute also einträchtig nebeneinander auf der Welt. Und da Kartenspieler allüberall konservativer sind als der konservativste britische Tory, ist nicht damit zu rechnen, dass irgendwann eine Vereinheitlichung stattfinden wird. Wer seit der Kindheit an Karten mit Kelchen und Schwertern gewohnt ist, wird sich eher an ein Leben auf dem Mond als an Karten mit Pik und Herz gewöhnen.

Und ein Schwabe, der das Binokeln oder Gaigeln mit Schippen und Schellen gelernt hat, kann sich eine Meldung in Kreuz oder Karo so wenig vorstellen, wie eine Verlegung des Bodensees auf bayerisches Gebiet.

Das unbeirrte Festhalten der Kartenspieler am Gewohnten zeigt sich aber nicht nur bei den Farbsymbolen. Auch in den Bildern der einzelnen Karten duldet der passionierte Skat- oder Bridgeliebhaber kaum eine Änderung. Die heute üblichen Karten aller drei Farbsysteme gehen auf Vorlagen zurück, die recht alt sind und in der Zeichnung nur wenige Abweichungen enthalten.

Immer wieder haben Grafiker, auch namhafte Künstler, versucht, die Kartenbilder zu verändern, zu modernisieren, dem Zeitgeschmack anzupassen. Die Versuche schlugen allesamt fehl. Man hätte eher die Anatomie des Weibes verändern können als das althergebrachte Bild der Spielkarte. Das war freilich nicht immer so. Im Laufe der Jahrhunderte haben die Spielkarten eine ganze Reihe wesentlicher Veränderungen erlebt. Und anfangs, so scheint es, war es gar der Stolz jedes Kartenmachers, sich von der Konkurrenz zu unterscheiden, war es der Stolz jeder noblen Familie, ein Blatt zu haben, mit dem die Nachbarn nicht spielten.

In manchen Ländern findet man noch immer Reste dieser Variationsfreude am Spieltisch. So spielen beispielsweise in den USA Karten mit politischen Karikaturen auch heute eine beachtliche Rolle, wie zum Beispiel die 1963 erschienenen "Kennedy Kards", deren Figurenkarten Mitglieder der Familie und Regierung Kennedy zeigen. Bei uns in der Bundesrepublik haben in jüngster Zeit Skatkarten mit den lustigen Königen, Damen und Buben des Zeichners Loriot viele Liebhaber gefunden. Und doch handelt es sich in der Masse der Kartenspiele nur um Ausnahmen. Gewöhnlich spielen die Söhne heute - wenigstens am Stammtisch - mit denselben Damen wie ihre Väter und Großväter.

 

 

* Das deutsche Farbsystem findet sich darüber hinaus auch heutzutage noch in vielen Gegenden Mittelosteuropas, wie z.B. in Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Teilen Polens. Die Schweiz hingegen spielt mit einem etwas abgewandelten Farbsystem (Eicheln, Rosen, Schilten und Schellen), das von großen Teilen der Spielkartenforschung als selbständiges, viertes Farbsystem betrachtet wird. [Anm. d. Red.]

 

Text entnommen aus:
Claus D. Grupp, „Spielkarten und ihre Geschichte – Historisches um des Teufels Gebetbuch“, ISBN 3-7601-9201-7, ©1973 ASS-Verlag Leinfelden

 

 

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© André Müller